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Historische
Abkehr
von MARKUS SCHLESAG
Der Kompromiß zum Atomausstieg stimme weder Regierung noch Kraftwerksbetreiber
vollends glücklich, verlautete gestern aus den Reihen der Energieversorger.
Doch nach jahrelangem Ringen und einer Einigung zu später Nachtstunde gehört
Zähneknirschen, untermalt mit einem Seufzer der Erleichterung, zum unvermeidbaren
Ritual.
Die Krokodilstränen sollten deshalb nicht darüber hinwegtäuschen,
da6 sich die Industrie die Zustimmung zum Ausstieg gut hat bezahlen lassen.
Getreu dem Motto, daß Zeit Geld ist, handelten die Betreiber die Bundesregierung,
deren grüne Mitglieder noch vor Jahresfrist maximal 25 Jahre Gesamtlaufzeit
zulassen wol1ten, auf nunmehr mindestens 32 Jahre Gesamtlaufdauer hoch. Darüber
hinaus ließ sich Rot-Grün |
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die Genehmigung für
Schacht Konrad als Lager für schwach- und mittelradioative Abfälle abringen -
zur Enttäuschung, wenn nicht zum Entsetzen der Menschen in der Region Südost-Niedersachsen,
auf jeden Fall zu deren Schaden.
Doch damit nicht genug: Sogar das 1988 gerichtlich stillgelegte AKW Mülheim-Kärlich
- es war nach einer Genehmigung unter Verantwortung des damaligen rheinland-pfälzischen
Ministerpräsidenten Helmut Kohl auf einer Erdbebenzone errichtet worden und
lieferte nur 13 Monate Strom - wird als produktionsbereiter Meiler in die Berechnung
einbezogen. |
Bleibt noch als weiteres Zugeständnis
der Bundesregierung an die Industrie die Einigung auf eine Gesamtstrommenge, die
die Atomkraftwerke bis zur Stillegung des letzten Meilers produzieren dürfen:
Im Gegensatz zu einer Regelung nach Restbetriebsjahren eröffnet dieses Modell
auch für die Zukunft reichlich Interpretationsspielraum, so daß die tatsächliche
Gesamtlaufzeit weiterhin offen ist. Selbst der Kanzler, dem Eigenlob ansonsten keineswegs
fremd ist, bescheidet sich angesichts der Zugeständnisse mit der nüchternen
Einschätzung, es sei ein tragbarer Kompromiss gefunden worden.
Gleichwohl
ist es das historische Verdienst der rot-grünen Bundesregierung, mit zähem
Beharrungsvermögen die Abkehr von der Atomkraft vollzogen und den Weg für neue,
effizientere und ungefährlichere Arten der |
Energiegewinnung geebnet zu
haben, auch wenn das Atomkapitel noch lange nicht abgeschlossen ist.
Denn selbst wenn es gelingt, den Ausstieg in Gesetzesform zu gießen, auch wenn
die Betreiber lukrativere Methoden zur Stromproduktion aufgetan haben und Atomkraft
nur noch ein Abbruchgeschäft ist, bleibt die Gefahr ein dauerhafter Begleiter.
Die Sorge vor ungeahnten Komplikationen, möglicherweise Katastrophen, die aus
den Hinterlassenschaften unseres ,,Atomzeitalters" resultieren, wird nachfolgenden
Generationen auf unabsehbare Zeit höchste Wachsamkeit abverlangen. Gemessen
daran sind 32 Jahre Gesamtlaufzeit wahrlich ein überschaubarer Zeitraum.
Quelle: Salzgitter Zeitung vom Freitag den 16.Juni 2000, Seite Zeitgeschehen mit
Leitartikel und Karikatur. |
Das Land muß
weiter mit der Debatte über Gorleben und Konrad leben
Niedersachsen und die Atompolitik:
Schlucken an der Konsenskröte |
Von Michael Ahlers und Ingo Kugenbuch
Wolfgang Jüttner hatte eine Ankündigung zu machen. Kanzleramtschef Frank
Steinmeier, so der niedersächsische Umweitminister, werde demnächst in
Hannover den Berliner Atomkonsens erläutern.
Daß Erläuterungsbedarf besteht, mochte Jüttner gestern nicht verhehlen.
Problem Nummer 1: Gorleben. Zwar gibt es laut Konsens ein Moratorium für
die Erkundung des Salzstocks als Endlager, gleichzeitig aber wird die Eignung des
Standorts, anders als im rotgrünen Koalitionsvertrag, nicht mehr grundsätzlich
in Frage gestellt. ,,Perplex" zeigte sich Jüttner denn auch angesichts
der Begründung für das Moratorium, wonach noch konzeptionelle und sicherheitstechnische
Fragen zu klären seien. Ein Präjudiz für ein Endlager Gorleben sei
der Konsens aber nicht, machte sich Jüttner Mut.
Problem Nummer 2: Konrad. Wie erwartet besteht der Antragsteller, das Bundesumweltminister
Jürgen Trittin unterstellte Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), auf einer
Entscheidung. Bleiben Uberraschungen aus, wird Jüttner noch dieses Jahr genehmigen
müßen. ,,Reine Denkspiele"' heißt es zu Spekulationen, nach
denen Konrad gar grenzüberschreitend als Endlager für schwach- und mittelradioaktive
Abfälle dienen könnte und im Gegenzug der hochradioaktive Müll ausgelagert
werden könnte.
Zugeständnis an die Atom-Gegner:
Der Antrag auf Sofortvollzug wird zurückgenommen, so daß unter geringerem
Druck gegen Konrad geklagt werden kann. ,,Die Genehmigung wäre dann schwebend
unwirksam", so ein Jurist aus dem Hause Jüttner. Erst nach einer Gerichtsentscheidung
begänne die 5-Jahres-Frist, binnen derer ,,Aktivitäten" am Lager entfaltet
werden müßten, bevor die Genehmigung erneuert werden müße. |
Die Weichen will Jüttner
bis dahin längst anders gestellt sehen. Er erinnerte wiederholt an die Koalitionslinie,
ab 2030 ein einziges nationales Endlager für alle atomaren Abfälle bereitzuhalten.
Konrad scheidet dafür aus, Gorleben in der Lesart der Landesregierung ebenfalls.
So verbindet Jüttner mit dem neuen Entsorgungskonzept, das Berlin suchen soll,
vor allem die Hoffnung, ein oder beide möglichen Endlager loszuwerden. Weitaus
mehr abgewinnen konnte gestern Sigmar Gabriel dem Konsens:
Der Regierungschef stellte heraus, daß durch die Vereinbarungen über dezentrale
Zwischenlager viele heikle Transporte nach Gorleben entfielen. Damit seien in der
Entsorgung endlich auch die süddeutschen Länder in der Pflicht.
Bei den Landesgrünen herrschte dagegen Katzenjammer. Die ,,positive Eignungsbewertung"
Gorlebens kritisierte die Fraktionsvorsitzende Rebecca Harms, "unmöglich"
sei eine Zustimmung, so die Vorsitzende Heidi Tischmann. Von einer ,,politischen
Enttäuschung" sprach auch die zweite Landesvorsitzende Renate Krebs.
Peter Dickel, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad, glaubt, daß
eine Einlagerung im Schacht Konrad verhindert werden kann. Dabei setzt er ganz auf
Jüttner:
,,Wir erwarten, daß der Umweltmlnister die Genehmigung ablehnt"
Reizthema: Gegen Schacht Konmd gingen schon tausende Menschen auf die Straße. Foto: dpa
Quelle: Salzgitter Zeitung vom Freitag den 16.6.2000, Seite: Hintergrund |
Umweltminister Jüttner
zum Atomkonsens:
,,Das
macht wirklich keine Freude", |
Ist Niedersachsen der große
Verlierer im Atomkonsens? Mit Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) sprach der
Korrespondent Michael Ahlers von der Salzgitter Zeitung.
Herr Jüttner wie bewerten Sie, was in Berlin herausgekommen ist?
Es ist wichtig, daß der Atomausstieg jetzt Gestalt annimmt. Enttäuschung
ist unangebracht, Begeisterung ebenfalls. So ist das bei Kompromissen.
Wo liegen Erfolge, wo Misserfolge?
Erfolge sind vor allem das Ende der Wiederaufbereitung, das Moratorium für Gorleben,
weniger Transporte durch das Zwischenlagerkonzept oder der Verzicht auf den Sofortvollzug
bei Schacht Konrad. Die Begründung für das Moratorium in Gorleben macht
aber wirklich keine Freude. Unsere Vorbehalte gegen die Eignung von Gorleben finden
sich nicht wieder. Bei Konrad muß ich zur Kenntnis nehmen, daß die Bundesregierung
an einer Genehmigung interessiert ist. Der Handlungsspielraum für uns ist da
auf Null gesetzt. |
Die Landesregierung will weder
Konrad noch Gorleben, aber der
Ernstfall rückt näher.
Das sehe ich anders. Wir gehen weiter davon aus, daß wir Konrad poltisch überflüssig
machen. Der Konsens bedeutet auch keine Präjudizierung für ein Endlager
Gorleben. Statt deßen muß die Bundesregierung, wie in der Koalitionsvereinbarung
festgelegt, alternative Standorte für ein zentrales Endlager erkunden. Die Aufgabe,
ein neues Entsorgungskonzept zu erarbeiten, bleibt. Die Landesregierung wird massiv
darauf drängen, daß daran gearbeitet wird. Eine unmittelbare Inbetriebnahme
eines Endlagers in Niedersachsen ist aber überhaupt nicht in Sicht.
Von einem gerechten Lastenausgleich kann ja wohl nicht die Rede sein...
Natürlich sind alle anderen froh, daß wir die Probleme haben. Die Illusion,
uns von allen Lasten befreien zu können, hatten wir aber nie. |
Ausstiegskonsens: 32
Jahre Gesamtlaufzeit für Reaktoren
Atom- Kompromiß
stellt Grüne vor Zerreißprobe |
BERLIN (ck/dpa) Bundesregierung und Stromwirtschaft haben sich nach langem Ringen
auf einen Ausstieg aus der Atomenergie geeinigt, ohne einen Termin für die Abschaltung
des letzten Reaktors festzulegen. Kern der Vereinbarung ist eine Gesamtlaufzeit für
die Atommeiler von 32 Jahren, zwei mehr als die Regierung angestrebt hatte. Ob die
Grünen dem Kompromiss zustimmen, ist offen.
Während die Grünen-Parteispitze gestern mehrheitlich dafür stimmte
und von einer ,,Zäsur" sprach, kündigte der linke Flügel heftigen
Widerstand auf dem Parteitag Ende Juni an. Parteichefin Antje Radcke sagte unserer
Zeitung, wenn jetzt kein Zwangs-Ausstiegsgesetz ohne Zustimmung der Industrie erarbeitet
werde; müssten die Grünen in letzter Konsequenz die Koalitionsfrage stellen". |
Kanzler Gerhard Schröder
(SPD) und Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sprachen dagegen von einem
fairen Kompromiss. Die Vereinbarung sieht vor, daß die 19 laufenden Kraftwerke
noch eine Reststrommenge produzieren dürfen, die sich aus einer Laufzeit von
32 Jahren seit Inbetriebnahme ergibt. Für jede Anlage wurde eine konkrete Restmenge
festgelegt. Jedoch können Betreiber die Strommengen verteilen und so ältere
Kraftwerke kürzer, neuere länger laufen lassen. RWE verzichtet auf eine
Wiederinbetriebnahme des 1988 stillgelegten Kraftwerks Mülheim-Kärlich,
erhält dafür aber eine zusätzliche Strommenge von umgerechnet elf
Jahren Laufzeit für seine anderen Kraftwerke. Schacht Konrad in Salzgitter soll
genehmigt werden.
Als Zeitpunkt für die endgültige Beendigung der Kernenergienutzung konnte
Trittin zunächst nur den |
rechnerischen Termin 2021 nennen.
Die Stromkonzerne sind nicht verpflichtet, noch in dieser Wahlperiode ein Atomkraftwerk
vom Netz zu nehmen. Die Regierung sagt zu, den ungestörten Betrieb der Anlagen
zu sichern. Die Kraftwerksbetreiber verzichten auf Entschädigungsanprüche
und verpflichten sich, so zügig wie möglich an den Standorten der Kraftwerke
Zwischenlager zu bauen.
Die Wiederaufarbeitung soll spätestens 2005 beendet werden. Die Union kündigte
an, den Ausstieg nach einem Regierungswechsel wieder rückgängig zu machen.
Zugleich velangte sie eine Beteiligung der Länder bei der geplanten Änderung
des Atomgesetzes. Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) begrüßte
den Konsens als ,,Ergebnis, das sich sehen lassen kann und Niedersachsen nutzt".
Siehe Leitartikel und Hintergrund
Quelle: Salzgitter Zeitung vom Freitag den 16.6.2000, Titel auf der Titelseite |
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